Flughafen München. Jenny wartete schon seit über einer Stunde auf Daisys verspäteten Flieger, der wegen Schneestürmen über Deutschland noch immer in der Warteschleife hing.
Sie hatte genug Zeit, darüber zu brüten, wie sie Weihnachten mit ihrem Vater ohne größere Probleme überstand. klar, ihr Vater war ein netter Mensch, jetzt zumindest, aber sein Desinteresse der letzen Jahre konnte und wollte Jenny ihm nicht verzeihen. Sie dachte sich Strategien aus, wie es möglichst zu keinem Eklat unterm Christbaum kommen konnte. Ihm Absagen und daheim bleiben? Das würde wahrscheinlich für ziemlich lange Zeit nur Ärger bringen. Einfach immer grinsen und nicken? Das war einfach nicht Jennys Art.
Daisy, die, endlich angekommen war, riß sie aus ihren Gedanken. „Hey, sweetheart, träumst du? Du siehst mich ja gar nicht.“ Daisy war einen Kopf kleiner als sie, versuchte aber immer durch einen Cowboyhut größer zu wirken. Dass sie damit dem gängigen Klischee eines Texaners entsprach, störte sie nicht im geringsten. Sie kam ohnehin nicht aus Texas. Sie hatte hellbraune, leuchtende Augen, die genau dieselbe Farbe wie ihre Haare hatten.
Jenny freute sich aufrichtig, Daisy seit Ewigkeiten wieder zu sehen. Da Daisy Jennys ganzes Problem mit Weihnachten in der Schweiz nicht verstand, erschien es ihr auf der Taxifahrt zum Flughafen auch immer geringfügiger. Daisy konnte mit ihrem entwaffnenden Lächeln sowieso jeden Streit wegzaubern.
Daisy war wie immer total fasziniert von Deutschland, egal wie oft sie schon hier gewesen war. Jenny hatte aber keine Zeit und kein Verständnis dafür, der Zug nach Zürich rief.
Daisy nutzte die gesamte Fahrt zu Schlafen, in der Hoffnung, ihr Jetlag damit ein wenig auszubügeln.
In Zürich wurden die beiden von Jennys Vater abgeholt. „Hallo Papa“, sagte Jenny trocken zur Begrüßung und überließ es Daisy selbst, sich vorzustellen. Die Stimmung in dem kleinen Volvo, der durch Eis und Schnee fuhr, war mindestens genauso kalt wie die Außentemperatur. Nur Daisy ließ sich damit nicht entmutigen und schrieb gleich ihrer Freundin Josi eine SMS, ob man sich heute Abend nicht treffen wollte. Was sollte man am 23. Dezember auch sonst in Toggenburg machen?
Das Letzte Mal war Jenny als kleines Mädchen hier in den Sommerferien gewesen. Das waren die langweiligsten sechs Wochen ihres Lebens gewesen. Man sollte auch nicht außer Acht lassen, dass Toggenburg nur die nächstgrößere Stadt zu dem kleinen Dorf ist, in dem ihr Vater wohnt. Als sie das Ortsschild Unterwasser passierten, wurde Daisy merklich nervöser. Sie zischte zu Jenny: „Das hattest du nicht erwähnt.“ Jenny zuckte mit den Schultern. Sie wußte nicht, auf was Daisy hinaus wollte. Jennys Vater erklärte in schlechten Englisch: „This ist the hometown of Simon Amman, famous Skijumper…“ Daisy murmelte ernst: „I know.“
Da war also der Hase begraben: Daisy hatte vor einigen Jahren ein kleines Techtelmechtel mit dem Olympiasieger gehabt. Jenny entschuldigte sich: „Das wußte ich nicht. Woher auch?“
Daisy nickte. „Ist nicht deine Schuld.“
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