Das Wochenende verlief so, wie Ziva geplant hatte. Sie kannte niemanden, wollte auch niemanden kennen, war schwimmen gegangen, hatte ihr Buch gelesen. Und nun war es Sonntag Früh, sie joggte Richtung Washington Memorial, am Lincoln vorbei.
Sie sah im Pool of Reflection den hellblauen Himmel mit ein paar Schäfchenwolken glitzern. Israels Nationalfarben.
Wie an dem Tag, an dem ihre Schwester gestorben war…
Sie versuchte, indem sie vom Joggen ins Sprinten überging, die Gedanken abzuhängen. Doch die Erinnerungen holten sie immer wieder ein,
Sie hatte immer gewußt, ihre Schwester war besser als sie. Eine der Besten. Und die Besten sterben als Erstes.
Immer wieder versuchte sie ihr lachendes Gesicht vor ihrem inneren Auge zu sehen, aber sie sah nur den blutigen, von Kugeln zerfetzten Körper. Sah ihre Mutter, wie sie sich über die Leiche beugte und das erste und einzige Mal in ihrem Leben ihre Fassung verlor.
Man möchte die Verstorbenen immer so in Erinnerungen behalten, wie man sie geliebt hat. Aber Ziva sah nur totes Fleisch und glasige, wehmütige, gleichgültig blickende Augen. Es war alles sehr schnell gegangen damals. Ob ihre Schwester gewußt hatte, dass sie nun stirbt? Deswegen diese Wehmut? Und war es ihr so gleichgültig wie ihr Blick gewesen?
Sie blieb an einer Ecke stehen und krümmte sich. Sie konnte nicht mehr. Nicht mehr rennen. Konnte die Gedanken nicht länger ertragen. Sie stützte sich mit den Händen auf ihre Knie und sog die kalte Morgenluft ein.
Ihrer Schwester hatte sie blind vertraut. Sie war tot. Ari hatte sich auch vertraut, es war ein großer Fehler gewesen und nun war er auch tot. ‚Warum ich? Warum muss gerade ich die Tochter des Mossadchefs sein??? Warum? Warum muss ich in eine Familie geboren worden sein, in der man nicht einmal seinen Eltern und Geschwistern trauen kann???’
Vertrauen.
Wer brauchte das schon. Ziva hatte bisher auch ganz gut ohne Vertrauen gelebt und überlebt. Sie strengte sich an, ihre Gedanken nicht darauf zu lenken, dass sie Amy voll und ganz vertraut hatte. Und dass sie es immer noch tat. Aber das durfte sie nicht!
Das schöne Wetter am Morgen hatte getrogen, es hatte später angefangen zu regnen. Amy lief durch den Regen. Sie war kurz an der Uni gewesen, in der Hoffnung, in der Atmosphäre dort besser arbeiten zu können. Es hatte natürlich nicht geklappt.
Und sie hatte den Bus verpaßt, stand nun im Regen an der Haltestelle und musste wohl oder übel eine halbe Stunde warten. Sie seufzte in das Prasseln des Regens. Heute war nicht ihr Tag. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie die Schritte hinter sich nicht gehört hatte.
Sie spürte noch, wie eine Hand ihre Schulter umschloß und ein Finger sich in die Kuhle zwischen Schlüsselbein und Hauptschlagader bohrte. Dann wurde es schwarz.
Montag, 17. August 2009
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